DUST CATCHER

Text in english see "CARPETS"

DUST CATCHER

Die Protagonisten meiner Arbeit sind gesammelte, vergessene oder auch verschenkte Objekte. Sie sind auch unter der Bezeichnung Staubfänger bekannt. Aus diesen abfotografierten Gegenständen erstelle ich komplexe Collagen und tapeziere damit Wände oder stelle andere Wohn- und Dekorationsartikel wie beispielsweise Teppiche daraus her.
Der Impuls zu diesen Fotocollagen entsprang bei einem fotografischen Projekt über die Inneneinrichtungen von Ferienhäusern. Bei den ersten acht besuchten Häusern und Wohnungen fielen mir besonders die Dekorationen auf und mich beschäftigte, woher wohl unser unermüdliches Bedürfnis zur Dekoration kommt.
Dies hat mich veranlasst, parallel zur Dokumentation der Innenräume, ein Archiv aus den Dekorationsgegenständen, welche ich in den Ferienhäusern ablichtete, anzulegen. Aus diesen allgegenwärtigen Staubfängern, wie wir sie in wohl jedem Feriendomizil zu sehen bekommen, erstellte ich eine Collage in Form eines Wandteppiches. In der Fortsetzung erhielt das Perla Mode ein verrücktes Wandkleid aus ebensolchen Dingen die niemand braucht.

Die Objekte in der Wandteppichcollage habe ich instinktiv in einer Vierteilung angeordnet, um ein Teppichmuster erkennen zu lassen. Erst später habe ich festgestellt, dass diese traditionelle Viereraufteilung ihren Ursprung in der Persischen Gartengestaltung von Paradiesgärten hat. In diesen Gärten sammelten die Perser Pflanzen, Tiere und früchtetragende Bäume welche sie von ihren Feldzügen mitbrachten. Die Paradiesgärten wurden durch geometrisch angeordnete Bewässerungskanäle viergeteilt, welche für einen stetigen Wasserfluss sorgten. Im Zentrum befand sich ein Wasserbecken. Die Perserteppiche greifen die Gestaltung der Paradiesgärten auf. So entstand in der Collage eine Verbindung zwischen Paradiesvorstellungen und Gegenständen der heutigen Konsumkultur.

Im Paradies sowie in der Konsumkultur herrscht Überfluss. Oft wurde geglaubt die Grenzen des Wachstums seien erreicht, doch die unersättliche Nachfrage lässt Anderes vermuten. Unsere Konsumkultur hat sich längts als pazifistisches Element in unserer Gesellschaft manifestiert.Wir könnten zwar alle getrost auf jedes einzelne Glied in dieser opulenten Tapete verzichten, dennoch entlocken sie uns Emotionen wie ein Lächeln oder ein Grauseln. Gerade in diesem Charme besteht wohl auch ihr einzigster Nutzen. Ohne eine wirklich relevante Funktion in unserem täglichen Leben erfüllt zu haben werden diese Figuren und Dekorationsartikel fortlaufend in grossen Mengen hergestellt.
Häufig hat das Dekorative Element aber auch etwas mit Statussymbolen zu tun. Einige Produkte werden gekauft um Wohlstand zu symbolisieren. Gerade diese Produkte mit einer solch klaren Funktion interessieren mich aber in meiner Arbeit nicht. Es sind eher jene Objekte, welche aus emotionalen Gründen behalten werden und auf diese Weise etwas über den Eigentümer preisgeben.
Mein Interesse gilt den halb aussortierten Produkten – jene, welche sich wie Asylanten im Ferienhaus tummeln oder Jahrzente auf Fenstersimsen und hohen Schränken herumgammeln. Und dies tun sie nur, weil es in ihrer Geschichte, bzw. des Besitzers Geschichte, irgendwo einen Grund für ihr Dasein gibt: etwa die emotionale Verbundenheit mit Geschenken, oder die Liebe zum Blödsinn und zu Dingen die niemand braucht.
Gerade dieses Verhaltensmuster Dinge zu benötigen die man eigentlich nicht braucht ist charakteristisch für unsere Überflussgesellschaft und Konsumkultur. Längst geht es nicht mehr um Zufriedenheit: „Moderne Gesellschaften kultivieren Unzufriedenheit auf hohem Niveau.“(Norbert Bolz)
Wie im Paradies leben wir in einer Welt der ständigen Versuchung, unsere Bedürfnisse wachsen allerdings auch durch den stetig wachsendem Wohlstand.

Mir gefiel die Verknüpfung, die zwischen den Paradiesvorstellungen der Perser und meiner Arbeit entstanden ist und ich erinnerte mich an den Besuch einer Ausstellung, an der Skulpturen der Voodoo Religion zu sehen waren. Da ich an den Beziehungen und der Obsessivität, die wir Menschen in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Art zu unseren Objekten bzw. Sammlungen aufbauen, interessiert bin, liess ich mich von dieser Ausstellung inspirieren.
Eigentlich ist Voodoo die „aktuellste“ Religion, nicht nur weil sie sich auf keinerlei Dogmen oder Schriften bezieht und durch die Sklaverei Elemente anderer Religionen aufgenommen hat, sie arbeitet mit Gegenständen die uns unmittelbar umgeben.
An dieser Ausstellung wurde mir erzählt, dass es in der Voodoopraxis eine Art Metafiguren gibt, durch die mit Geistern und Gottheiten kommuniziert werden kann.
Diese Skulpturen bauen sich die Vodun - Anhänger selber aus jenen Objekten zusammen, welchen sie Kräfte zuschreiben. Oft handelt es sich dabei um sehr alltägliche Dinge wie Schnur und Stoffe aber auch Colaflaschen oder Zigarettenpackungen.
Schliesslich sind gerade das die starken Elemente unserer Zeit.
Auf jeden Fall wollte ich etwas Obsessives und Mystisches sowie eine gute Portion Aberglauben in meine Arbeit bringen und beschloss aus den keramischen Objekten, welche bereits in der Tapete vorkommen, mit Hilfe von Steingutgiessmasse, Schnur und Papier meine eigenen Metaskulpturen herzustellen.
Die meissten von mir recherchierten Voodooskulpturen haben Schutzfunktionen. Also schrieb ich mir während einigen Monaten kleine Ereignisse oder Eigenschaften heraus, welche mich plagten oder irritierten und setzte diese augenzwinkernd als Titel.

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